Prolog



"Ist der Platz noch frei", sagte Peter und betrat das Zugabteil. Als er sich an den Knien der Fahrgäste vorbei schlängelte, wunderte er sich, dass ausgerechnet ein Fensterplatz frei geblieben war, wenn auch gegen die Fahrtrichtung.

Im Setzen bemerkte er den Blick des Älteren, gegenüber in grober Arbeitshose, mit schlichter Brille und brauner Schirmmütze. Jener schaute auf Peter, auf seine Ledermappe, Lederjacke und Schuhe, alles im selben Ton.

Neben dem Älteren saß ein Mensch mittleren Alters und machte ungewollt auf sich aufmerksam, denn er atmete schwer, sehr schwer. Die junge Frau an dessen linker Seite starrte in den Flur, vorbei an dem anderen ihr gegenüber in Anzug und Kravatte. Zwischen diesem und Peter saß ein junger Mann, leger gekleidet einen Aktenkoffer auf dem Schoß; er lernte anderes, während Peter immer noch an seiner Geschichte kaute, eifrig bemüht, falsches zu streichen, vernünftiges einzufügen.

Auf halber Strecke legte Peter seine Geschichte aus der Hand und schaute aus dem Fenster. Er steckte sich eine Zigarette zwischen die Lippen, zog ein Streichholzbriefchen aus der Tasche, knickte ein Hölzchen ab und versuchte es zu entzünden. Nach mehreren vergeblichen Versuchen drehte er es zwischen den Fingern, fasste es näher ins Auge, betrachtete es aufmerksam. Und er stellte fest, dass er das Köpfchen völlig abgewetzt hatte, in seinen groben Versuchen. Der schlicht gekleidete Ältere beugte sich einwenig vor, öffnete den Reisverschluss seiner abgetragenen Kunstlederjacke und wenige Zentimeter, fasst in die Innentasche, kramte dann in den Aussentaschen und streckte sichschließlich für einen Griff in die Hosentaschen. Peter zögerte, das nächste Streichholz zu benutzen.

"Darf ich Ihnen eine anbieten?", fragte Peter, nachdem seine zigarette aufgeglimmt war. Der Ältere nickte erst dann, als Peter ihm auch das Päckchen hingehalten hatte.

"Ach, die Letzte", bemerkte er und lehnte sich wieder zurück.

"Das macht überhaupt nichts", sagte Peter ruhig und doch beschwörend, als wollte er keine Zurückweisung dulden.

 

Sie rauchten, jeder für sich, keiner redete. Beide schauten aus dem Fenster, die junge Frau in den Flur. Das rhytmische Klopfen rollender Eisenbahnwaggons begleitete die regeungslose Schweigsamkeit der nah beieinander sitzenden Menschen. Der Horizont färbte sich in den Morgen, schien still zu stehen. Häuser flogen vorbei, als Peter in der Scheibe eine geringfügige Bewegung wahrnahm. Der schwer Atmende wollte seine Hand aus der Manteltasche nehmen, doch ... er konnte sich auch täuschen, denn bei genauem Hinsehen in die Scheibe rührte sich nichts. Sonderbar. Seltsam verkrümmt hielt er seinen rechten Arm in einer halben Bewegung verharrt. Er zog die Hand in winzigen Schüben aus der Manteltasche, kaum wahrnehmbar für Peter. Wie von unsichtbaren Gummibändern gehalten rührte sie sich zitternd an dem zerrenden Handgelenk, und als der nackte Handrücken zum Vorschein kam stockte er, die Finger an einem Zigarettenpäckchen verklammert. Das haupt weit vor der Brust starrte er zu Boden, als denke er angestrengt nach, als habe er sich etwas gut zu überlegen. Schließlich zögerten seine Finger in das Packchen und tasteten nach einer Zigarette. Es dauerte eine Ewigkeit, bis die Zigarette an die Lippen geführt war. Einem inneren Impuls folgend wollte Peter ihm Feuer geben, doch dann ließ er es sein, da er befürchtete, ihm vielleicht zu nahe treten.

Als es in der Scheibe aufglimmte hing der Kopf wieder tief vor der Brust. In kurzen Abständen nahm er unauffällig hastige Züge, verlangsamt in angedeuteten Regungen. Sein stumpfer Blick lag in einer Welt, aus der jedes Signal zurückgehalten werden sollte. Geduckt, abgeschottet, unsichtbar in der Aufmerksamkeit anderer ... wäre da nicht das schwere atmen gewesen.

Dann schaute er auf, plötzlich, auf Peter, und er hielt sein Haupt dabei fast gerade, Peter sah es in der Scheibe. Als er wieder zu Boden starrte konnte Peter seinen Blick nicht mehr von der Scheibe nehmen: verlangsamte Bewegungen, einen runden Rücken, den Kopf tief vor der Brust, den Blick am Boden - weggetreten - während die Zigarette ruhelos an die Lippen geführt wurde, unendlich langsam, unheimlich.

Wieder schaute er auf: für einige Sekunden lagen seine Augen auf dem Älteren an seiner Seite, als jener - wie Peter - aus dem Fenster schaute. Dann hing seien Haupt wieder vor der Brust, als hätte er seine Aufrichtigkeit verloren, als ob andere ihm den Kopf herunter geholt hätten, und seine Augen am Boden zeichneten einen minimalen Umkreis, als ob er sich fragte, ob er Stand halten würde. Seine Hand führte die Zigarette zum letzten Mal an die Lippen und dann war er der erste, der sie auszudrücken begann. Peter wurde es erst klar, als er selbst die Reste seiner Zigarette fallen ließ, dass ale drei ihre Zigarette ausedrückt hatten, gleichzeitig, Peter konnte es kaum glauben.

 

Der ältere Herr schaute aus dem Fenster, Peter in die Scheibe, die junge Frau in den Flur. Nun hatte auch sie sich eine Zigarette angesteckt. Der andere befasste sich mit anderem und jener neben Peter lernte weiterhin anderes.


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