vergiss nicht zu lieben



 

Kichernd und gackernd standen sie an der Straßenecke, die Displays ihrer Handys blitzten in der frühen Dunkelheit des Winterabends immer wieder auf. Die klirrende Kälte schob sich auch in die letzte Ritze, die Luft gefroren. Zu den Mädchen schaute er nicht hinüber, dort gab es nichts neues zu entdecken.

Sein Platz war die andere Seite, dem Leben der Mädchen diagonal gegenüber mit dem Rücken an das Schaufenster eines Künstlerladens gelehnt. Die Sohlen seiner Sportschuhe dünn wie Pergament konnte er bei jedem Schritt jede Unebenheit im Boden spüren. Jeans obligatorisch, drei T-Shirts übereinander, das farbige ramponierte zwischen den ausdruckslosen drüber und drunter; von dem farbigen konnte er sich noch nicht trennen. Das einzig Gute an ihm schien der Mantel zu sein, den Kragen hochgestellt kam im Nacken eine gute Marke zum Vorschein ... hat ihm seine Frau gekauft, damals, als sie noch zusammen waren ...

In aller Seelenruhe drehte er sich eine Kippe, wie so oft, viel zu oft. Billigster Tabak aus dem Supermarkt, hier ging es nicht um Qualität. Angewidert schaute er auf seine Finger, er sah wirklich aus wie der Letzte: gelbbraune Nikotinspuren an Mittel-, Zeigerfinger und Daumen. Da half auch kein Besuch in der örtlichen Badeanstalt, die die Finger richtig aufgeweicht und gesäubert hätte, nein, da wären schon mehrere Bäder nötig gewesen.

Unendlich viel Zeit nahm er sich beim Drehen der Kippe, als ginge es hier um eine feinmotorische Glanzleistung und sein Blick lag ununterbrochen auf ihr. Das Tabakpäckchen in der Waagerechten des Fensterrahmens verbarg er nicht, billig. Sollten andere denken, was sie wollen.

Warum standen die drei Mädchen immer noch an der Straßenecke, es war doch bitter kalt, die Tür zum wärmenden Cafe nur wenige Schritte entfernt. Für wen lohnte es sich, in dieser Kälte so endlos lange herum zu stehen, zu warten ? Das Gegacker brach nicht ab.

Er steckte sich die Kippe zwischen die Lippen, gab sich Feuer. Für einen Augenblick schaute er dabei zwangsläufig zu ihnen hinüber, dann erlosch die Flamme des Feuerzeugs auch schon wieder. Ein erster Zug, Nikotin ohne Filter, tat gut. Langsam ließ er den Atem wieder aus sich heraus, den Blick immer noch auf den drei Lebenslustigen, das war nicht zu übersehen. Hübsch waren sie, gut gewachsen, herausgeputzt waren sie, fröhlich … doch sahen sie aus, als wären sie alle der gleichen Plastikpresse entsprungen. Uni Form. Da wär‘ wirklich mehr drin gewesen, aber sie sind ja noch jung.

Ein Junge kam in Richtung der Mädchen gelaufen, es wurde interessant, der Penner hellwach. An der Straßenecke ging es eng zu, wie würde der Junge an den Mädchen vorbei kommen ? Abstoppen ? Sich entschuldigen, damit sie ihn bemerken, ihm Platz zum Vorbeigehen einräumen ? Nein, auf diesen Jungen warteten diese Mädchen nicht, die nicht, nicht auf diesen Jungen.

Der Junge machte einen kurzen Ausfallschritt auf die Straße und schon war er an den Hübschen vorbei, ungerührt setzte er seinen Weg fort. Verblüfft schaute der rauchende Penner ihm nach. Diese lebenslustig lärmenden Mädchen waren doch genau die richtige Altersgruppe ! Der Junge hatte sie überhaupt nicht wahrgenommen, nicht im geringsten, noch nicht einmal ein bißchen ! Der kurze Schritt auf die Straße entsprach jenem Ausweichen, das man automatisch auch einer Mutter einräumt, die ihren Kinderwagen schiebt. Und genauso selbstverständlich gleichgültig lief er an den drei Herausgeputzten vorbei. Der Blick des Penners folgte dem Jungen noch ein paar von dessen Schritten, dann starrte er wieder vor sich auf die Straße, in den teuren schwarzen Wintermantel gehüllt, allein mit sich selbst und der Kippe - einsam – und dachte: „Mensch, Junge, vergiss bloß nicht zu leben“.


*

Hier fühlte er sich sicher, hier war er zuhause, hier blühte er richtig auf. Als er sich durchwühlte strahlten seine Augen, doch er spürte es nicht, er bemerkte nicht seinen Blick auf sie so konzentriert wie der eines Zollbeamten, der mit seinen Augen ständig auf einem Verdacht liegt.

Es durfte nichts von dem sein, das er schon kannte, doch das war nicht weiter schwierig. Er fand immer eine und hätte er Stunden dazu gebraucht. Die schmutzigen Finger, die er sich dabei manchmal holte, störten ihn nicht, das war hier nunmal nicht zu vermeiden. Und er hatte auch schon wieder eine entdeckt, Freude pur stieg in ihm auf ! Sie kostete ihn nicht mehr als einen schlappen Euro, dem Verkäufer auf dem Flohmarkt drückte er das Geldstück gerne in die Hand.

In Gedanken rauchte bereits der Lötkolben, war der Transistor vielleicht das schwächste Glied ? Da musste er sich mal mehr einarbeiten; er würde sich die PDFs aus dem Internet downloaden und die Kennlinien genauer in Augenschein nehmen.

Zuhause bei ihm lag sie massenweise herum. Und viele von ihnen hatte er, nachdem er eine Verbesserung daran angebracht hatte, nicht einmal mehr getestet. Er wusste, dass er sie besser gemacht hatte, nachmessen war da nicht mehr nötig gewesen. Nun lag sie in irgendeiner Ecke seines Zimmers, unbestromt für immer.

Es ist schon ein paar Jahre her, dass er sich – von der Schule nach Hause gekommen – in sein Zimmer begeben und abgeschlossen hatte. Er setzte sich und legte den Kopf in die aufgestützte linke Hand.

Er hatte große Mühe, den Schmerz zurück zu halten. Kopf, Hand und stützender Arm waren schließlich eine einzige Katatonie, als sie zu kullern begannen, die Tränen, in kurzer Zeit war er völlig überströmt. Sein Gesicht hatte sich zu einer schmerzvollen Grimasse verkrampft, während er versucht war, sämtliche ihm verbliebenen Kräfte einzusammeln, um die Tränen zurück zu halten, wie es sich für einen Jungen nun mal geziemt. Gott sei Dank hatte er abgeschlossen, keinen Laut ließ er vernehmen, so weit hatte er sich wenigstens im Griff. Wenn jetzt bloß Mama nicht zum Essen rief.

Wie lange hatte er sie schon ins Auge gefasst gehabt, oft trieb er sich nur herum, um zwischendurch mal einen Blick auf sie zu ergattern, seine Kumpel standen auf dem Schulhof ganz woanders, das wurde langsam auffällig, also zurück in die Gruppe!

Er bekam sie nicht mehr aus dem Sinn, fürchtete die Ferien, wo er so lange auf einen Blick auf sie verzichten musste. Schließlich schlief er mit ihr ein und er wachte mit ihr auf. Alles hätte er geopfert … und er bemerkte nicht, wie er dabei war, den Kopf zu schütteln, während er dachte: wie war es nur möglich geworden, dass es ein so bezauberndes Geschöpf überhaupt gibt ? In Gedanken wurde sie seine Frau, sie hatten Kinder und als sich bereits die ersten Falten zeigten, nahm er sie immer noch liebevoll in den Arm.

Der Wecker schrillte, er richtete sich auf, wie ihm befohlen. Rasch machte er sich fertig, noch einen Happen zwischen die Zähne, den Rucksack geschultert und ab auf den Weg. Er war spät dran, zu spät ! Wenn er nicht versäumen wollte, wie sie sich im Schultreppenhaus in den obersten Stock zu ihrem Klassenzimmer begab, dann musste er sich sputen. Heute musste er sich durchringen, es MUSSTE sein, endlich, wie lange wollte er noch träumen. Ja. Heute. Alles oder nichts. Er würde es tun. Heute würde er sie ansprechen.


*

Eiskalt war es heute. Er hätte doch die dickere Jacke anziehen sollen, Mama hatte recht gehabt. Da vorne gab es Weibergegacker.

Blitzartig schoss es ihm durch den Kopf, kurz nur, sein erster und auch sein letzter Versuch: Als sie sich ihm zuwandte, war er sprachlos geworden … was für zauberhafte Augen. Und viel zu sehr in der Nähe. Kaum brachte er einen Ton heraus. Als nichts weiter von ihm kam, wendete sie sich wieder von ihm ab, gleich wieder im Gespräch mit Freundinnen. Und schon war er vergessen gewesen.

Warum hatte er das bloß gemacht ?! Hätte er doch besser die Finger davon gelassen. Unbeholfen, als hätte er ihr mit großen Augen eine elektronische Platine entgegen gestreckt. Lächerlich. Was hatte er ihr schon zu bieten ?!

Zügig lief er auf sie zu, drei gackernde Weiber am Straßenrand, sie versperrten den ganzen Weg, das war mal wieder typisch ! Von der anderen Straßenseite gaffte ein Penner herüber, eine Kippe zwischen den Lippen, was sonst ?! Klar ! Die sind natürlich auch wieder unterwegs.


great (and) in love (with) Su!


 
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